Von:
Gerhard Engel
Christine Scheel

e-berge.de

Ararat, Olymp, Horeb, Kailas, Fudschiyama, Kangchendzönga, Andechs, Hesselberg – Heilige Berge alle miteinander. Mit ganz unterschiedlichen Mythologien. Heiligkeit der Berge ist interreligiös. In Europa sind sie überwiegend christlich geprägt, nicht selten mit heidnischem Ursprung, in den Alpen meist katholisch, in Franken eher evangelisch. Die Gipfel und die Kirchen zu ihren Füßen.

Auf den Bergen ist man näher bei Gott. 1000, 2000 Meter oder in Nepal auch mal 8000 Meter. Mehr nicht. Nicht viel angesichts der Unendlichkeit und Ewigkeit Gottes. Auf den Gipfeln ist Ruh. Zumindest noch auf einigen. Meditative Stille stellt sich leicht ein, wenn nicht gerade ein eiskalter Wind pfeift oder ein Gewitter aufzieht.

Von oben sieht man besser. Alles wird klein, fern, scheint bedeutungslos, was unten so wichtig war und wieder wird. Ausrücken, Auszeit nehmen, ausruhen. Hektik, Sorgen, Geschäftigkeit, Lärm und Eitelkeiten unten lassen. Das ist möglich, wenn man es nicht gerade in einer Eventhochburg der Fremdenverkehrsbergeseilbahnapreskivergnügungs- industriezentren versucht. Also probieren wir es anderswo.

Weit breitet sich das sattgrüne Tal aus nach den steilen engen Klammschluchten seines Zugangs, der eigentlich keiner sein soll, aber auch längst von einer kurvenreichen, laut befahrenen Teerstraße geöffnet ist. Auf zwei steilen Anhöhen grüßen kleine Kirchlein herab zu uns und hinauf zu den verwegenen Gipfeln am Talende. Sie stammen aus romanischer und gotischer Bauepoche, hart und unvorstellbar entbehrungsreich das Leben der Menschen, die sie dennoch erbauten, schmückten und belebten. Heute braucht sie scheinbar niemand mehr. Das Christophorosfresko aus dem 15. Jahrhundert an der Außenwand blättert, die Türe ist verschlossen, obwohl es eine katholische Kirche ist, das Schloss verrostet, der Zugang grasverwachsen.

Der stille Hügel strahlt trotzdem Feierlichkeit und Würde aus. Mensch und Kirchlein, Brunnen, Bauerngarten und die Bergkulisse werden zur meditativen Einheit. Gott ist näher hier. Stolz thront wenige Kilometer weiter die reich geschmückte Hauptkirche auf einer anderen Anhöhe über allen Dörfern des Tales. Mit allem, was man sich als Protestant so vorstellt unter katholisch: Hochaltar und Baldachin, Standarten und Engelsköpfe, Heiligenfiguren und Goldglanz, Bänke zum Hinknien, Knochensplitter und schmiedeeiserne Grabkreuze. Das Tal schwelgt in römisch. Noch weitere Kirchlein folgen im hinteren Talgrund, immer an den schönsten Anhöhen, mit sensationellen Kulissen, Wegkreuze, Bildstöcke, Bauernhofkapellen, Mutter Gottes und Heilige. Man könnte beten und inne halten an jeder Wegbiegung. Und man macht es hier in einer Woche öfter als sonst im ganzen Jahr.

Doch plötzlich ein überraschender Wegweiser. Gleich an der ersten Gabelung hinter den Gold verzierten Grabkreuzen des hintersten Friedhofs im Tal: „Lutherische Kirche“. Hier? Seit wann? Ein Wiesenpfad zweigt ab, verliert sich nach einer Weile im steinigen, gerölligen, griesigen Bachbett. Es geht steil, beschwerlich bergan auf schwierigem Steig. Protestantisch halt. Ein kleiner Kalkblock ragt auf über dem Tal.

Nach einer halben Stunde, die letzten Häuser des Tales längst hinter uns gelassen, erreichen wir die Stelle im Bergwald, die sie heute „Lutherische Kirche“ nennen. Hier sollen sich im 17. Jahrhundert „Lutherische“ zum geheimen Wortgottesdienst getroffen haben. Unter Gottes freiem Himmel, geschützt vom Dach der Bäume. Zwei Stunden später, hoch oben angekommen, liegen protestantischer Kalkkegel und katholische Kirchenbauten winzig klein verstreut in der Tallandschaft. Und hier oben ist ohnehin alles ökumenisch. Frei und stille und Gott so nah.